Bildungskrise und kulturelle Normen im Südsudan

Bildungskrise und kulturelle Normen im Südsudan

Dieser Artikel untersucht die Bildungskrise und die kulturellen Normen im Südsudan mit einem Fokus auf: die Grundschulabschlussprüfung 2020/2021, die im Februar 2021 durchgeführt wurden; die Rückkehr von jungen Müttern in die Schule und Möglichkeiten zur Erhöhung der Schülerzahlen, insbesondere bei Mädchen, aber auch bei Jungen; und den zunehmenden Aufstand.

Praktiken der Grundschulabschlussprüfung

Laut der letzten nationalen Bildungsstatistik aus dem Jahr 2016 gibt es im Südsudan 4.950 Grundschulen mit einer Schülerzahl von 1.098.292 Lernenden. Laut Aussage des Ministeriums für allgemeine Bildung im Februar 2021 wurden insgesamt 75.000 Grundschülerinnen und Grundschüler für die diesjährigen PLE-Prüfungen registriert. Dies war weit weniger als die erwartete Anzahl. In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass 908 Lernende in sieben Zentren die Prüfungen aufgrund von Zugangsproblemen und sicherheitsrelevanten Fragen verpassten. Vierzehn Gebiete wurden wegen Sicherheitsbedenken gemeldet (z.B. Nasir mit 98 Schüler:innen, Longechuk mit 220 Schüler:innen, Akobo mit 61 Schüler:innen, Fangak mit 223 Schüler:innen, Ayod mit 109 Schüler:innen, Nyiror mit 141 Schüler:innenund Tonj Ost mit 154 Schüler:innen; andere Gebiete wurden nicht genannt).

In den meisten dieser Gebiete wird eine starke Präsenz der SPLA-IO-Kräfte (Sudan People Liberation Army in Opposition) vermutet, einer ehemaligen Rebellengruppe, die zwischen 2013 und 2018 die Regierung bekämpfte. Allerdings ist die SPLM-IO  jetzt Teil einer Koalitions- oder Einheitsregierung in Juba.

Die Abschlussprüfungen wurden für diese Orte nachträglich angeordnet.

Was lernen wir aus diesen Erfahrungen?

Zum einen ist es kostspielig, eine weitere Prüfungsrunde für die Orte anzusetzen, an denen die Prüfungen verpasst worden sind. Zum anderen wird die Qualität beeinträchtigt, weil man davon ausging, dass sich diese Lernenden an schwierigen Orten befinden, weshalb die Prüfungsinhalte gelockert wurden. Die Öffentlichkeit könnte auch einen gewissen Zweifel an der Bevorzugung entwickeln, wenn die Orte, in denen gelockert wurde, Wohnorte der Prüfenden sind.

Die meisten Bundesstaaten mit Ausnahme der Stadt Juba sind von Konflikten betroffen und die Lernenden wurden nicht gut unterrichtet, um den Lehrplan abzudecken. Auf dem nebenstehenden Bild sprechen Lehrende mit Schülern der William Chuol Primary School in Fangak, Jonglei State im Jahr 2020 über die Prüfung. Die Schüler waren sich unsicher, welche Inhalte in den Prüfungen angefragt werden könnten. Das Auftreten der Lehrer spricht nicht für ihre Qualität. Das bedeutet, dass sowohl die Lernenden als auch die Lehrer verzweifelt waren oder Angst vor dem Ausbruch von Konflikten hatten, da die Stadt Fangak oder der Jonglei-Staat einer der Staaten mit häufigen Angriffen ist und bis heute noch mehr Risiken birgt. Die wiederbelebte Regierung muss mit Dringlichkeit vorgehen und jede mögliche Lösung für den Frieden ausloten, um sicherzustellen, dass alle Kinder in der Grundschule 8 im nächsten Jahr und in anderen Klassen, unabhängig vom Standort, ihre Prüfungen wie geplant beginnen können. Frieden wird dringend benötigt, damit die Menschen im Südsudan bessere und qualitativ hochwertige Verfahren für Gesundheit, Bildung, Straßenbau, landwirtschaftliche Dienstleistungen u.a. für ein besseres Auskommen haben.

Junge Mütter kehren in die Schule zurück

Im Südsudan waren vor COVID-19 über 1,2 Millionen Kinder, die meisten von ihnen Mädchen, nicht in der Schule. Die langwierigen Konflikte von 2013 und 2016 haben das Bildungssystem des Landes verwüstet, und die jüngste Pandemie hat zusätzlich über eine Million Kinder von der Schule ausgeschlossen. Für Mädchen haben die COVID-19-bedingten Schulschließungen ein erhöhtes Risiko von geschlechtsspezifischer Gewalt und Ausbeutung ausgelöst, was zu einer Zunahme von Kinderheiraten führte, von denen 51,5 Prozent der Mädchen im Land betroffen sind. Viele Fälle von Frühschwangerschaft wurden registriert, was das Risiko eines Schulabbruchs dramatisch erhöht. Diese Mädchen kehren möglicherweise nie wieder in die Schule zurück, was letztlich ihre Chancen auf ein berufliches Fortkommen einschränkt. Zum Beispiel brachten mehr als fünf Mädchen während der Prüfungszeit Kinder zur Welt und durften ihre Prüfungen weiterschreiben. Dies war eine neue Norm, dass alle Mädchen in einer Klasse zur Prüfung antraten, was vor der Unabhängigkeit des Südsudan 2011 nicht praktiziert wurde. Dies kann als Pecedividende betrachtet werden.

Trotz COVID-19 und obwohl viele Schülerinnen aufgrund des Konflikts im Südsudan vertrieben wurden, meistert eine der Schülerinnen, Nyaget Mot, das Leben in einem Lager für Binnenvertriebene (Protection of Civilian (PoC) Camp) als entschlossene Mutter und Schülerin. Auch andere wichtige Dienstleistungen, die dazu beitragen, dass Mädchen in der Schule bleiben, wie Schulspeisung, außerschulische Aktivitäten und psychosoziale und pädagogische Unterstützung, wurden unterbrochen. UNICEF arbeitet mit der Regierung und Partnern an der Umsetzung der Nationalen Strategie für Mädchenbildung, die Werbung, Lobbyarbeit, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Branding, Kunst (Musik, Gesang, Tanz, Theater) und soziale Mobilisierung auf allen Ebenen umfasst, um die Einschulung, den Verbleib und die Förderung von Mädchen zu verbessern. Diese Strategien wurden bis zu einem gewissen Grad als Unterhaltung angesehen und aus diesem Grund griffen die Schulen der Episkopalkirche darauf zurück, die Müttervereinigung in den Kirchen als „Lern-Mentoren“ einzusetzen. Diese „Lern-Mentoren“ haben mehrere Strategien und eine davon ist, von Haus zu Haus zu gehen und mit den Schulabbrecherinnen und ihren Eltern darüber zu sprechen, wie wichtig es ist, dass diese Mädchen wieder zur Schule gehen. Es hat sich gezeigt, dass dies in größerem Umfang funktioniert, und vielleicht könnte dies ein Modell sein, das die Regierung oder andere kirchliche Schulen ausprobieren könnten, indem sie ihre Schulleiterinnen einbeziehen.

Zunehmender Aufstand geht weiter

Trotz des Abkommens von 2018, das die wichtigsten Kriegsparteien des Südsudan in einen Waffenstillstand und eine Einheitsregierung bringen sollte, wächst die Rebellion in der südlichen multiethnischen Region Equatoria weiter mit hoher Geschwindigkeit. Der lange Bürgerkrieg ist noch nicht vorbei, denn ein großer Aufstand südlich und westlich der Hauptstadt Juba hat große Teile der Region Equatoria in chronische Gewaltausbrüche gestürzt, die viele Tausende vertrieben haben. Die Straßen, die in die Hauptstadt Juba und in die Stadt Yei führen, wurden in den letzten zehn Tagen größtenteils gesperrt. So wurden von Ende März bis Anfang April 2021 eine Reihe von Konflikten im Bezirk Yei im Payam Otogo in den Siedlungen Morsak, Lata, Mudeba, Ombasi und anderen registriert. Diese haben über 120 Familien mit einer Gesamtbevölkerung von über 1550 Menschen vertrieben. Diese Bevölkerung verließ ihre Dörfer ca. 20-25 km und flüchtete in ein Lager in Yei, dem Diözesanhauptquartier der Bischofskirche. Dies wurde der Regierung und anderen humanitären Organisationen gemeldet und es wurde minimale Unterstützung in Form von Non-Food-Artikeln geleistet. Die Kirche richtete ein Komitee ein, das die Aufgabe hat, Lebensmittel zu mobilisieren, um diesen dringenden Bedarf zu decken. Die Kirche ist auch gehandicapt, weil die Kirchentüren aufgrund von COVID-19 geschlossen sind und es schwer ist, finanzielle Mittel von den Christen zu mobilisieren. Außerdem hat die Kirche nach der Serie von Konflikten mehr als vier Runden von Binnenvertriebenen aufgenommen. Auf dem Foto stehen Kirchen-, Regierungs- und Gemeindeleiter, die die Binnenvertriebenen ermutigen, für sie beten und sie auf dem Gelände der Kirche willkommen heißen. Die meisten Menschen in Yei, die Verwandte haben, die in dieser Vertreibung waren, konnten ihre Verwandten aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten und der unzureichenden Verpflegung nicht willkommen heißen. Dies verzerrte die kulturellen Normen der Menschen im Südsudan, besonders in Yei.

Diejenigen, die diese Nachricht lesen, sollen Botschafter*innen des Friedens für den Südsudan sein und in Ihren verschiedenen Kirchen und Moscheen an uns denken!

 

von: Lubari Stephen Elioba
Leiter des Bildungsprogramms
Bischöfliche Kirche des Südsudan
Abteilung für Bildung und Ausbildung
Juba, April 2021